Tourenbericht
Viertausender-Woche, Wallis, Schweiz

Im Januar 2009 waren wir am Aconcagua in Argentinien – und dafür bringt man idealerweise etwas Erfahrung im Umgang Steigeisen mit. Denn an einigen Stellen, etwa der Traverse zur Canaleta oder in der Canaleta, findet man nicht selten Schnee und Eis vor. Was liegt also näher, als in die Schweiz zu fahren und dort mit professioneller Unterstützung zu üben? In der ersten Augustwoche 2008 sind wir aufgebrochen.

Als Basislager diente das Hotel Bergfreund in Herbriggen, wenige Kilometer vor Zermatt im Schweizer Kanton Wallis. Ein sehr nettes Haus mit einer noch netteren Gastwirtin Rosi. Lobenswert sind neben der großen Gastfreundschaft vor allem das außerordentlich gute Essen und die gemütliche Bar. Jeden Abend gab es ein Vier-Gänge-Menü – inklusive Nachschlag aus der Küche. Vom Hotel Bergfreund aus wollten wir unsere Touren starten. Auf dem Programm standen einige relativ leichte Viertausender. Als Begleiter hatten wir den Bergführer Reinhard Engelhart vom Hindelanger Bergführerbüro engagiert. Ein Glücksgriff, fachlich und menschlich.

Tag 1 – Allalinhorn (4.027 m)
Das Allalinhorn liegt etwa sieben Kilometer südwestlich von Saas-Fee und ist von vier großen Gletschern umgeben: Im Norden der Feegletscher, östlich der Hohlaubgletscher, im Südosten der Allalingletscher und im Südwesten der Mellischgletscher. Zum Gipfel streben vier Grate, die sich aber mit Ausnahme des Ostgrates – auch Hohlaubgrat genannt – im Gipfelbereich unter einer dicken Eishaube verlieren.

      
Allalinhorn von Saas-Fee aus gesehen 4.027 m (l.); Blick auf Saas-Fee (r.)

Der Gipfel erhebt sich im Mischabelkamm zwischen dem Saastal im Osten und dem Mattertal im Westen und gehört zu der nach ihm benannten Allalingruppe. Dazu gehören außerdem die Viertausender Alphubel (4.206 m), Strahlhorn (4.190 m) und Rimpfischhorn (4.199 m). Das Allalinhorn zählt dank seinem leichten Zugang aus dem Tal ganz sicher zu den meistbestiegenen Viertausendern der Alpen.

Der kürzeste Anstieg beginnt bei der Station Mittelallalin (3.454 m). Sie erreicht man mit der Seilbahn von Saas-Fee, von der man in die unterirdische Metro Alpin umsteigt. Sie endet auf dem Mittelallalin. Von der Seilbahn aus hat man einen tollen Blick auf den Feegletscher, eine Eiszunge, die während der Kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in den Talkessel hinter Saas-Fee reichte. Heute ist der Gletscher noch rund fünf Kilometer lang, erreicht in seinem oberen Abschnitt eine Breite von sechs Kilometern und bedeckt insgesamt eine Fläche von 17 Quadratkilometern. Die letzten Reste laufen auf einer Höhe von rund 2000 Metern aus, also 200 Meter oberhalb von Saas-Fee. Dank dem Feegletscher hat Saas-Fee nach Zermatt das zweitgrößte Sommerskigebiet der Schweiz.

       
Anstieg über den Nordgletscher (r. u. M.); Rimpfischhorn 4.199 m vom Feejoch aus gesehen (r.)

Wenn man die Metro Alpin benutzt, ist die Besteigung des Allalinhorns nur noch eine Tagestour. Auch wir haben uns für diese Variante entschieden. Von der Station quert man zunächst das Pistengebiet nach Westen. Dort haben wir zum ersten Mal die Steigeisen angelegt. Anfangs achteten wir mehr darauf, uns nicht gleich die Hosen aufzureißen. Der Anstieg führt weiter auf der fast immer deutlichen Spur unter den Séracs der Allalinhorn-Nordwand hindurch.

       
Spaltenbrücken am Allalinhorn (l.); Bergführer Reinhard (M.); Gipfelgrat am Allalinhorn mit Gipfelkreuz (r.)

Auf dem Weg zum Feejoch sind einige Spalten zu umgehen beziehungsweise zu überspringen. Am Joch bietet sich eine erste Rast an. Bei guter Sicht hat man einen tollen Ausblick auf das Matterhorn. Vom Feejoch geht es weiter in östlicher Richtung über den mäßig steilen Firnhang auf den etwas südlich des Gipfels gelegenen Gratrücken. Von dort sind es nur noch wenige Minuten zum Gipfelgrat. Der Gipfel selbst besteht aus Felsen, dort wurde auch ein Kreuz verankert. Der Anstieg von der Metro Alpin bis zum höchsten Punkt dauert rund zwei Stunden.

Für uns war das Allalinhorn jeweils der erste Viertausender. Der Anstieg dauerte etwas länger als gedacht, weil wir das erste Mal in Seilschaft und mit Steigeisen gegangen sind. Das ist anfangs doch etwas gewöhnungsbedürftig, Kräfte zehrend und unrhythmisch. Auf dem Gipfel selbst waren wir nur wenige Minuten, weil dort oben ein stürmischer Wind blies und relativ viel Betriebsamkeit herrschte. Am frühen Nachmittag waren wir zurück in Saas-Fee.

Tag 2 – Breithorn (4.165 m)
Das Breithorn ist – natürlich neben dem Matterhorn – der Hausberg von Zermatt. Mächtig überragt es den Ort. Das Massiv ist ein stark vergletscherter Bergkamm, hat mehrere Gipfel und verläuft in west-östlicher Richtung. Der höchste Punkt und damit der Hauptgipfel ist der Westgipfel. Weiter nach Osten reihen sich der Mittelgipfel, der Ostgipfel sowie die Breithorn-Zwillinge in die Kette ein. Das Massiv endet im Osten mit der Schwarz fluh (Roccia Nera). Über das Breithorn verlaufen der Alpenhauptkamm und die Grenze zwischen dem Wallis und der Region Aosta.

        
Breithorn 4.165 m vom Mattertal aus gesehen (l.); Matterhorn 4.478 m (M.); Am Gipfel des Breithorn (r.)  

Der Berg ist ähnlich leicht zu besteigen wie das Allalinhorn. Das liegt einerseits an den geringen technischen Anforderungen, andererseits am schnellen Zugang. Wer das Breithorn als Tagestour plant, kann mit der Seilbahn bis zur Station Klein Matterhorn fahren (3.820 m). Die Normalroute führt von Süd-Süd-Westen über den Firn des Breithornplateaus. Zum Schluss verläuft der Anstieg auf einem steilen Hang zum Gipfelgrat hinauf. Die Gehzeit beträgt im Schnitt zwei Stunden. Leider war der Gipfel wolkenverhangen, so dass wir nicht ins Mattertal hinabsehen konnten. Auch das nahe Matterhorn war immer wieder verdeckt.

       
Gletscherspalte (l.); Routenplanung (M.); Spalten am Mezzalama-Gletscher (r.) 

Beim Abstieg haben wir die Aufstiegroute genommen, sind auf dem Breithornplateau aber in östliche Richtung abgebogen. Von dort ging es über sanft abfallendes Gelände über die Grenze nach Italien zur neuen Mezzalamahütte auf 3.394 m Höhe (Rifugio Guide della Val d' Ayas). Es empfiehlt sich, auch diese Strecke am Seil zu gehen, da einige Gletscherspalten einfach schlecht zu sehen sind. Viele Spaltenbrücken machten außerdem einen recht instabilen Eindruck, gerade ab der Mittagszeit. Vom Kleinen Matterhorn über das Breithorn zur Mezzalamahütte dauert es fünf bis sechs Stunden, je nach Verhältnissen.

        
Frank und Matthias auf der Mezzalamahütte (l.); Sonnenuntergang über Aosta (M.); Markus im Bettenlager (r.)  

Wir kamen nachmittags an der Hütte an, haben auf der Veranda erst einmal die Sonne genossen und mit einem Bier angestoßen. Dort saß auch eine Gruppe Franzosen, die sich gerade über einen noch eingeschweißten Tiroler Speck hermachen wollte. Wie gut, dass wir das gesehen haben – es war unser Speck. Markus hatte ihn bei der Rast unmittelbar unter dem Breithorn-Gipfel fallen lassen. Er muss bis auf das Breithornplateau in die Tiefe gerauscht sein, wo ihn die Franzosen schließlich fanden. Natürlich haben wir brüderlich mit den Findern geteilt.

Glücklicherweise bekamen wir auch einen Schlafplatz, nachdem anfangs unsere Reservierung in der völlig überfüllten Hütte verschwunden war. Das Zimmer erinnerte eher an eine Sardinenbüchse mit Kinderstockbetten, doch zweckmäßig war es allemal. Abendessen gab es wegen dem großen Andrang und der begrenzten Sitzplätze in zwei Schichten. Jeder der insgesamt 80 Bergsteiger bekam dasselbe: Pasta als Vorspeise, Fleisch mit Gemüse als Hauptgericht, Eis als Nachtisch. Um 22 Uhr war Zapfenstreich.

Tag 3 – Castor (4.226 m)
Die beiden Berge Castor und Pollux (4.091 m) sind die so genannten Zwillinge. Sie werden durch das Zwillingsjoch getrennt (3.845 m). Von der Lage her befindet sich der Castor zwischen Breithorn, Pollux, Liskamm und Monte Rosa. Der eigentliche Gipfel liegt südlich der Grenze Schweiz/Italien und damit vollständig auf italienischem Boden. Von der Mezzalamahütte dauert der Anstieg zwischen vier und fünf Stunden.

        
Morgendlicher Aufstieg, im Hintergrund Castor 4.226 m (l.); Sonnenaufgang am Zwillingsjoch (M.); Seilschaft in der Castor-Westflanke (r.)                 

Dabei ist der Castor etwas schwieriger einzustufen als Allalinhorn und Breithorn. Von der Hütte aus geht es über den Mezzalama-Gletscher in Richtung Nord-Nord-Westen. Der Aufschwung ist zunächst mäßig steil und zieht in kurzen Serpentinen bergauf. Wir sind kurz nach sechs Uhr aufgebrochen, was eine gute Entscheidung war. Der Gletscher war um diese Zeit noch hart und eisig, was den Anstieg doch sehr erleichtert. Nach gut einer Stunde haben wir das Zwillingsjoch erreicht. Von dort geht es in östlicher Richtung durch die Castor-Westflanke. Meist liegt dort eine schmale Spur, die jedoch Trittsicherheit erfordert.

Das Highlight hebt sich der Berg allerdings bis zum Schluss auf: Der Aufstieg zum Gipfelgrat erfolgt am Ende über eine 60 Grad steile Wand. Sie ist zwar nur knapp 30 Meter hoch, doch ohne Steigeisen und Pickel ist hier praktisch kein Durchkommen. Nach der Wand tritt man auf den Gipfelgrat – und erlebt einen beeindruckenden Ausblick auf das Massiv des Liskamm (4.527 m). Von diesem Punkt geht es nun noch etwa 100 Meter nach rechts (in südliche Richtung) über den schmalen Grat zum Gipfel. Für uns ein besonderes Erlebnis, denn der Grat ist mehr als luftig: Rechts und links fallen die Flanken des Berges in die Tiefe und der Weg ist höchstens schulterbreit.

       
Blick aus der Castor-Flanke zum Pollux 4.091 m (l.) und zum Mont Blanc 4.810 m (M.); Reinhard im Vorstieg zum Gipfelgrat des Castor (r.)  
             
Auf dem Gipfel machten wir erst einmal Rast. Neben dem Liskamm hatten wir einen tollen Ausblick auf das Monte-Rosa-Massiv, das Matterhorn und die Mont-Blanc-Gruppe. Die Ruhe wurde nur getrübt durch zwei Hubschrauber. Sie landeten hinter den Verbindungsgrat zwischen Castor und Liskamm. Was wir schon befürchtet hatten, wurde uns abends leider bestätigt. Auf dem Grat war eine Viererseilschaft abgestürzt. Ein Bergsteiger verlor dabei sein Leben – es war unser Tischnachbar im Hotel Bergfreund in Herbriggen.

       
Gipfelgrat des Castor (l.); Am Gipfel des Castor in 4.226 m Höhe (M.); Blick auf die Abstiegsroute (r.)  

Beim Abstieg sind wir über die Aufstiegsroute zurück auf das Zwillingsjoch und anschließend über das Breithornplateau zum Kleinen Matterhorn. Eine zähe Angelegenheit – ist der Gletscher in den Nachmittagsstunden doch sehr weich und sulzig. Der Weg sieht kurz aus, zieht sich aber in die Länge. Zurück nach Zermatt ging es mit der Seilbahn. Unten im Dort herrschte reges Treiben. Viele Bergsteiger hatten das relativ gute Wetter ausgenützt. Wie wir von unserer Wirtin Rosi erfuhren, waren an diesem Tag mehr als 150 Menschen auf dem Matterhorn.

Tag 4 – Eisklettern am Weissmies-Gletscher
Am vierten und letzten Tag stand das Weissmies auf dem Programm. Die Route führt vom Talort Saas-Grund und der Bergstation Hohsaas (3.098 m) über den spaltenreichen Trift-Gletscher auf den Gipfel. Bei wolkenlosem Wetter, das auf den Viertausendern im Wallis am ehesten am Morgen zu erwarten ist, sieht man vom Gipfel des Weissmies zahlreiche Viertausender sowie im Süden den Lago Maggiore und weit über die Poebene hinaus. Es wird berichtet, dass an außergewöhnlich klaren Tagen mit einem Fernglas auch der Dom von Mailand zu sehen sei.

        
Weissmies 4.023 m, der Gipfel ist links (l.); Thorsten und Matthias beim Eisklettern (M. u. r.)  

Leider war jedoch weder wolkenloses Wetter noch Fernsicht angesagt – im Gegenteil. Für viele Regionen im Wallis lautete die Prognose: Ab Mittag zieht es zu, teilweise wurden Unwetter angekündigt. Wir haben deswegen auf das Weissmies verzichtet – und uns für das Eisklettern entschieden. Wir fuhren mit der Gondel von Saas-Grund bis zur Station Hohsaas. Von dort sind wir zum Trift-Gletscher gewandert. Das ist auch der Ausgangspunkt für den Anstieg auf das Weissmies. Am Rand des Gletschers haben wir die Steigeisen angelegt. Der untere Teil ist aper, das heißt, es liegt kein Schnee und die Spalten sind sichtbar.

Mit Hilfe unseres Bergführers Reinhard haben wir unsere angelernten Grundkenntnisse nochmals vertieft: Front- und Vertikalzackentechnik mit Steigeisen, ökonomisches Gehen, Sicherung mit Eisschrauben, Kontenkunde, Abseilen, Spaltenbergung. Der Höhepunkt war jedoch das Eisklettern an einer 80 Grad steilen Wand. Reinhard sicherte Top-Rope, also von oben. Der Vorteil bei dieser Technik ist die relativ kurze Fallhöhe, sollte man aus der Wand fliegen. Für uns alle war das ein Heidenspaß – und mehr als eine Entschädigung für den entgangenen Gipfel an diesem Tag. 

       
Sicherung mit zwei Eisschrauben (l.); Frank im steilen Eis (M.); Gruppenbild mit Sir Edmund Hillary im Hintergrund (r.)

Ausklang
Unterm Strich war der Ausflug in die Schweiz ein tolles und neues Erlebnis. Denn gerade im Vergleich zu vielen Anstiegen in den österreichischen Ostalpen fordern selbst die leichten Viertausender ein ordentliches Maß an Kondition, Trittsicherheit und Höhenverträglichkeit. Die Wege sind in der Regel viel länger. Was von unten aussieht wie ein Katzensprung, entpuppt sich oben nicht selten als anstrengende Hochtour. Hinzu kommen die Unterschiede beim Material. Ohne Klettergurt, Seilsicherung, Pickel und Steigeisen geht im Grunde gar nichts.

Abschließend sagen wir Danke. An Reinhard, an Rosi, an den Wettergott. Bis auf den letzten Tag hatten wir traumhafte Bedingungen. Bestimmt werden wir irgendwann wieder einmal ins Wallis kommen. Das majestätische Matterhorn und der nur 50 Kilometer Luftlinie entfernte Mont Blanc sehen einfach zu verlockend aus. Und wer hat diese Gipfel nicht gerne in seinem Tourenbuch stehen? Schaun mer mal.

(Quellen: eigene Recherche, Wikipedia, 4000er.de)