Aufstiegsroute
Aconcagua, 6.962 m, Argentinien, Südamerika

Am Aconcagua zählen die Bergführer von Aconcagua-Expeditions derzeit 33 verschiedene Routen. Damit haben die Bergsteiger, die den höchsten Gipfel Amerikas erreichen wollen, die Qual der Wahl. Die passende Strecke hängt wie überall vom persönlichen Können und der Risikobereitschaft ab: Während der Normalweg über die Nord-West-Schulter einem sehr anspruchsvollen Trekking-Pfad gleicht, sind die Routen an der fast 3.000 m hohen Südwand große alpinistische Herausforderungen – und damit weltweit nur wenigen Spitzenbergsteigern vorbehalten.

Für die meisten Aspiranten ist der Aconcagua ein Einstieg ins Höhenbergsteigen. Die Schwierigkeit besteht darin, mit der großen Höhe zurechtzukommen und den Gipfel überhaupt zu erreichen. In der Regel ist nicht der Weg ist das Ziel, sondern der höchste Punkt. Das gilt auch für uns. Es gibt zwei klassische Anstiege, die ohne größeren technischen Aufwand begangen werden können: Die Normalroute und die Polen-Traverse, oft auch "falsche Polen-Route" genannt.

Wir haben uns aus mehreren Gründen für den Normalweg entschieden. Das Basislager Plaza de Mulas hat eine gut ausgebaute Infrastruktur, dort gibt es sanitäre Anlagen, Internet und vieles mehr. Ein idealer Rückzugsort für stürmische und kalte Tage. Einen kurzen Fußmarsch entfernt liegt das höchste bewirtschaftete Hotel der Welt, das Refugio Plaza de Mulas (4.320 m). Im Unterschied zur Polen-Traverse hat man mit Plaza de Mulas ein Basislager, in dem man Ausrüstungsgegenstände und nicht benötigtes Material zurücklassen kann. Auf der Polen-Traverse gleicht die Aufstiegroute nicht der Abstiegsroute – entsprechend muss man stets das komplette Gepäck transportieren.

        
Karte mit Weg zum Basislager (l.); Basislager Plaza de Mulas in 4.260 m Höhe (M.); Refugio Plaza de Mulas in 4.320 m Höhe (r.)

Für die Normalroute und das Basislager Plaza de Mulas spricht aber vor allem die medizinische Versorgung. Dort ist ein Arzt, an dem man praktisch nicht vorbeikommt. Er checkt den Puls und den Blutdruck und misst die Sauerstoffsättigung des Blutes. Bergsteiger mit Bluthochdruck oder zu geringer Sättigung überprüft er mehrmals und hindert sie gegebenenfalls am weiteren Aufstieg. Der Arzt hat kritische Parameter, nach denen er entscheidet. Sauerstoff aus der Flasche sowie alle gängigen Medikamente für Höhenkranke sind ebenfalls vorhanden. In Notfällen kann man mit dem Helikopter ausgeflogen werden.

Da wir wie die allermeisten Bergsteiger am Aconcagua den Normalweg nehmen, wollen wir diese Strecke hier besonders ausführlich beschreiben. Alle anderen 32 Routen werden unter der Rubrik "weitere Routen" in Kurzform vorgestellt. Dabei ist der Verlauf der Anstiege grafisch und numerisch gekennzeichnet. Der Normalweg trägt die Nummer 25.

Normalweg – der Anmarsch
Von der Ortschaft Puente del Inca zum Gipfel des Aconcagua und wieder zurück werden zwischen acht und 14 Tage veranschlagt. Wie viel Zeit man tatsächlich benötigt, liegt am Wetter und an der persönlichen Anpassung an die Höhe.

Nachdem man in Mendoza die Besteigungsgenehmigung erhalten hat, geht es per Transfer nach Puente del Inca (2.725 m). Dort wird der Teil des Gepäcks, den man erst wieder im Basislager benötigt, für den Transport durch Maultiere vorbereitet. Von Puente del Inca geht es am nächsten Tag weiter zum Eingang des Aconcagua-Parks. Hier werden die letzten Formalitäten abgewickelt. Man bekommt Müllbeutel mit auf den Weg, die man am Ende der Tour wieder zurückbringen muss – und zwar gefüllt. Ansonsten gibt es eine empfindliche Geldstrafe. Diese Maßnahme hat sich bewährt, denn sie hilft, den Berg vergleichsweise sauber zu halten.

   
Lager Confluencia in 3.410 m Höhe (l.); Aconcagua-Südwand von Plaza Francia aus gesehen in 4.100 m Höhe (r.)

Vom Parkeingang (2.950 m) macht man sich auf den Weg ins Lager Confluencia (3.410 m). Dort wird übernachtet, am nächsten Tag folgt meist ein Ausflug zum Plaza Francia (4.100 m) mit Blick zur Aconcagua-Südwand. Das dient der Höhenanpassung. Nach einer weiteren Nacht im Lager Confluencia geht es dann in Richtung Basislager Plaza de Mulas (4.620 m). Vom Parkeingang zum Basislager sind es rund 17 Kilometer Wegstrecke und 1.310 m Höhendifferenz. Dies an nur einem Tag zurückzulegen, wäre ein Gewaltmarsch von mindestens zehn bis zwölf Stunden – und wäre der Akklimatisation wenig förderlich.

Normalweg – das Basislager
Das Basislager Plaza de Mulas (4.260 m) ist der Ausgangspunkt für die eigentliche Bergbesteigung. Treffpunkt jedes Teams ist das gemeinsame Messzelt. Dort wird gekocht, gegessen, man spielt Karten oder vertreibt sich bei schlechtem Wetter einfach nur die Zeit. Aus Gründen der Höhenanpassung ist es ratsam, im Basislager ein bis zwei Tage zu verbringen, bevor man ins erste Hochlager aufbricht. Denn während die meisten Berge in den Westalpen in dieser Höhe enden, beginnt ab hier erst der eigentliche Aufstieg. Für gewöhnlich treten in Plaza de Mulas auch die ersten Kopfschmerzen auf. Als Tagesausflug bieten sich einige kleinere Gipfel in der näheren Umgebung an. Auch die etwa 15 Minuten entfernte Herberge Refugio Plaza de Mulas lädt zum Verweilen ein.

   
Basislager in 4.260 m Höhe, im Hintergrund das Refugio Plaza de Mulas (l.); Refugio Plaza de Mulas in 4.320 m Höhe (r.)

Normalweg – die Hochlager
Auf dem Weg zum Gipfel des Aconcagua gibt es drei Plätze für Hochlager. Das sind Plaza Canadá (5.050 m), Nido de Cóndores (5.560 m) und Camp Berlin (5.930 m). Viele Teams nutzen Plaza Canadá nicht, sondern campieren nur in den anderen beiden Hochlagern. Der Grund liegt an der relativ kurzen Distanz zwischen Plaza Canadá und Nido de Cóndores. Ein weiteres Lager in Plaza Canadá wäre da nur ein unverhältnismäßig hoher Aufwand.

Deshalb wird das Material – etwa die Zelte – oft direkt nach Nido de Cóndores transportiert. Danach folgt in der Regel wieder ein Abstieg ins Basislager. Einige Tage später erfolgt der Materialtransport von Nido de Cóndores ins Camp Berlin. Hier eine Aufstellung der Höhendifferenzen, Entfernungen und Aufstiegszeiten. Die Angaben beziehen sich immer auf das Lager zuvor, sprich von Plaza Canadá nach Nido de Cóndores sind es beispielsweise 510 m Höhendifferenz.

Punkt

Höhe

Höhendifferenz
jeweils vom Punkt zuvor
Entfernung
jeweils vom Punkt zuvor
Aufstiegszeit
jeweils vom Punkt zuvor
Plaza de Mulas 4.260 m – – – 
Plaza Canadá 5.050 m 790 m
3.300 m
3 – 5 h
Nido de Cóndores
5.560 m 510 m
1.770 m
2,5 – 4 h
Camp Berlin 5.930 m 370 m 1.790 m
2,5 – 4 h
Gesamt
5.930 m 1.670 m 6.860 m
8 – 11 h 
Während einige wenige konditionsstarke Bergsteiger ihren Gipfelgang in einem Zug von Nido de Cóndores aus starten, dient für die meisten Teams das Camp Berlin als Ausgangslager für den Gipfel. Camp Berlin ist ein echtes Hochlager – befindet es sich doch über dem Gipfel des Kilimandscharo. Obwohl wir bereits in dieser Höhe waren, bietet das noch keine Gewähr, das Camp Berlin auch zu erreichen. Zumindest haben wir uns aber diesen Punkt aber als erstes Etappenziel gesetzt. Für jeden von uns wäre das Erreichen des Camp Berlin ein persönlicher Höhenrekord – obwohl es darum nicht wirklich geht.

   
Lager Nido de Cóndores auf 5.560 m im Schnee (l.); Camp Berlin in 5.930 m Höhe (r.)

Normalweg – der Gipfelgang
Der Gipfelgang erfolgt in der Regel ab dem Camp Berlin. Die meisten Teams brechen zwischen zwei und fünf Uhr nachts auf, je nach Wetter und Temperatur. Je früher man aufsteigt, desto mehr Zeit kann man sich nehmen. Einerseits. Andererseits ist man länger in der Nacht unterwegs – und hat damit länger mit eisigen Temperaturen zum kämpfen.

Die markantesten Punkte auf dem Weg zum höchsten Punkt Amerikas sind zunächst die so genannten White Rocks und die Independencia Hut. Letztere ist angeblich die höchste Schutzhütte der Welt. Allerdings sieht sie eher aus wie eine zerfallene Hundehütte als eine klassische Schutzbehausung. Die White Rocks haben eine Höhe von 6.060 m, Independencia Hut liegt auf 6.370 m. An dieser Hütte machen die meisten Teams eine erste kleine Rast – und an dieser Hütte werden viele Gipfelträume begraben. Die Independencia Hut ist in den letzten Jahren ein markanter Umkehrpunkt geworden. Doch alle Achtung, wer diesen Punkt überhaupt erreicht.

   
Independencia Hut auf 6.370 m (l.); Traverse zur Canaleta (r.)

Nach der Independencia Hut folgt die lange Traverse in Richtung Canaleta. Hier können, je nach Schneeverhältnissen, Pickel und Steigeisen notwendig sein. Wer die Traverse gemeistert hat, steht vor der Canaleta auf 6.600 m Höhe. Das ist die letzte und berühmte Steilstufe vor dem Gipfelgrat – und der zweite bedeutende Umkehrpunkt. Die Canaleta hat zwar nur gut 220 Höhenmeter, aber die haben es in sich. Es ist eine steile Halde voller Geröll und Schutt, sprich man rutscht immer wieder zurück. Oft liegt Schnee. Berichten zufolge ist hier eine besondere Willenskraft erforderlich, Bergsteiger sprechen von mentaler Härte. Die Empfehlung viele Aconcagua-Bezwinger lautet: Autopilot rein – und "einfach" rauf.

Einige Bergsteiger lassen am Einstieg in die Canaleta einen Teil der Ausrüstung zurück, um Gewicht zu sparen. Das kann gefährlich werden. Vom Einstieg in die Rinne bis hin zu Gipfel und zurück vergehen mindestens sechs Stunden – in denen sich das Wetter und die Bedingungen in diesen Höhen drastisch verändern können.

   
Blick in die Canaleta von oben (l.); Gipfelgrat mit dem niedrigeren Südgipfel im Hintergrund (r.)

Der Ausstieg aus der Canaleta erfolgt am Gipfelgrat, die Verbindung zwischen Nord- und Südgipfel. Praktisch alle Bergsteiger interessieren sich nur für den höheren Nordgipfel – und biegen am Ausstieg entsprechend nach links ab. Dennoch lohnt sich ein Blick nach rechts: Unterhalb des Südgipfels fällt die mächtige Südwand tausende Meter in die Tiefe. Der Gipfelgrat hat am Ende der Canaleta eine Höhe von etwa 6.820 m, es sind also noch gut 140 Höhenmeter zum höchsten Punkt Amerikas. Die absolute Entfernung beträgt jetzt noch rund 300 Meter. In etwa einer Stunde ist man vom Ausstieg der Canaleta am Gipfel.

       
Gipfelkreuz auf 6.962 m (l.); Bergsteiger am Gipfel (M.); Ausblick vom Gipfel über die Andenkette (r.)

Der Gipfel selbst ist eher ein Plateau. Am höchsten Punkt steht ein Gipfelkreuz, daneben gibt es ein Gipfelbuch, in das sich die Bergsteiger eintragen können. Experten warnen immer wieder, dass man trotz aller Freude und Euphorie stets einen Blick auf das Wetter und die Uhr haben sollte – denn am höchsten Punkt ist erst die Hälfte der Wegstrecke geschafft. Hier eine Aufstellung der Höhendifferenzen, Entfernungen und Aufstiegszeiten vom Camp Berlin zum Gipfel. Die Angaben in der Tabelle beziehen sich immer auf die markanten Punkte zuvor.

Punkt

Höhe
 
Höhendifferenz
jeweils vom Punkt zuvor
Entfernung
jeweils vom Punkt zuvor 
Aufstiegszeit
jeweils vom Punkt zuvor 
Camp Berlin
5.930 m 
– – 
White Rocks 6.060 m 130 m 460 m
1 h
Independencia 6.370 m 310 m 1.120 m 2 – 2,5 h 
Canaleta 6.600 m
230 m 1.190 m 3 – 4,5 h 
Gipfel
6.962 m 362 m
530 m 2 – 3 h
Gesamt
6.962 m 1.032 m 3.300 m 8 – 11 h 
Normalweg – der Abstieg
Sind alle Bilder im Kasten, steht der Abstieg an. Die Route gleicht vollständig dem Weg beim Aufstieg. Zunächst geht es also über den Gipfelgrat zurück und dann nach rechts in die Canaleta. Vom Gipfel bis zum Camp Berlin dauert es – je nach Verhältnissen und Fitness – zwischen zwei und fünf Stunden. Das heißt: Am Gipfeltag ist man insgesamt bis zu 16 Stunden unterwegs. Viele Teams übernachten nach dem Gipfelgang im Camp Berlin. Einige steigen weiter ab zum Lager Nido de Cóndores oder ins Basislager Plaza de Mulas. Von Camp Berlin bis ins Basislager ist man nochmal drei bis sechs Stunden unterwegs.

Nach einem Ruhetag im Basislager brechen die meisten Teams am folgenden Tag in Richtung Parkeingang und Puente del Inca auf. Früh morgens wird die Ausrüstung auf die Maultiere verladen. In der Regel wird der Marsch diesmal in einem Zug bewältigt, also ohne Zwischenlager in Confluencia. Am Ausgang des Aconcagua-Parks hat man eine letzte bürokratische Hürde zu nehmen: Die Rückgabe der vollen Müllbeutel.

(Quellen: eigene Recherche, Aconcagua-Expeditions, 7Summits, Wikipedia)