Reisereportage
Aconcagua, 6.962 m, Argentinien, Südamerika

"Vom Winde verweht"

– Von Thorsten Jacobs –

32° 39' 12'' S / 70° 0' 42'' W, 6.962 Meter ü. NN – das ist der höchste Punkt der Welt außerhalb des Himalaya. Wir zogen aus, um den Aconcagua in den Anden zu besteigen. Der Berg hat uns viel mehr abverlangt als der Kilimandscharo eineinhalb Jahre zuvor – und noch mehr gegeben. Eine Reise zwischen Leiden und Leidenschaft.

Wir schreiben den 6. Dezember 2008. Nikolaus. Es ist ein regnerischer Samstagmorgen, als wir in der Fußgängerzone in Ludwigshafen stehen. Das Schuhhaus Keller hat gerade geöffnet. Wir brauchen Bergstiefel. Keine klassischen Treter aus Leder oder Gore-Tex, sondern welche für Expeditionen, aus Plastik und mit Thermo-Innenschuh. Möglichst warm sollen sie sein. Und steigeisenfest. Herr Keller hat – als einer der wenigen Verkäufer in Deutschland – all diese klobigen Klötze im Regal stehen. Sie reichen teils bis zu den Knien und sind im Vergleich zu ihren Artgenossen technische Wunderwerke. Zwei Stunden später zahlen wir 500 Euro pro Paar und fahren zurück nach Esslingen.

       
Auf dem Flug nach Mendoza sehen wir erstmals den Aconcagua (l.) – und erreichen fast Höhe des Gipfels (M.); Ankunft (r.)

Wir schreiben den 26. Januar 2009. Es ist ein heißer Montagnachmittag, als wir im argentinischen Mendoza ankommen. Während es in Deutschland graupelt, hat es hier sommerliche 30 Grad. Südliche Halbkugel, verkehrte Jahreszeiten. Wir haben 28 Stunden Anreise in den Knochen. Aufatmen. Obwohl wir in Atlanta und Santiago de Chile umsteigen mussten, gleiten 160 Kilogramm Ausrüstung unversehrt übers Gepäckband. Vier Rucksäcke von Deuter mit jeweils 80 Liter Fassungsvermögen, vier ebenso große Sporttaschen. Damit ist die erste Hürde genommen.

   
   
Das Hotel Executive im Zentrum von Mendoza mit Ausblick (l., M.); Gepäck abladen, warten, einchecken (r.)

Mendoza liegt auf 900 Meter Meereshöhe und ist etwa so groß wie Stuttgart. Man könnte auch in Madrid oder Barcelona sein. Die Stadt ist Ausgangspunkt aller Touren auf den 6.962 Meter hohen Aconcagua, der höchste aller 102 Sechstausender in den Anden, der höchste Berg Amerikas. Miguel Lopez, Spitzname Micky, ist 30 Jahre alt und stand 17 Mal auf dem Gipfel. Leo, 28, unser zweiter Bergführer, hat den höchsten Punkt neun Mal erreicht. Die beiden arbeiten für die Agentur Aymara, bei der wir die Reise gebucht haben.

Natürlich hätten wir auch alles selbst in die Hand nehmen können. Doch eine geführte Tour bietet mehr Sicherheit und einen Hauch von Luxus. Ein Teil unserer Ausrüstung wird von Mulis, eine Kreuzung aus Esel und Pferd, ins Basislager getragen. Dort haben wir Vollpension, ein Esszelt mit Tischen und Stühlen, Funkgeräte, ein Klohäuschen. Eine Infrastruktur, die das Leben leichter macht. Außerdem bekommen wir Zelte, die Windgeschwindigkeiten von 120 km/h und mehr aushalten. Marke The North Face, Modell V25. High-Tech. Das sollte sich später auszahlen.

Als wir Micky und Leo in der Lobby unseres Hotels treffen, wissen wir schnell: Wir sind in guten Händen. Am Kilimandscharo sind wir einfach losgewackelt, jeder hatte dabei, was er für richtig hielt. Nun haben wir im Vorfeld eine detaillierte Ausrüstungsliste bekommen. Unsere Bergführer lassen sich die Dinge persönlich zeigen: Expeditionsschlafsäcke, Isomatten, Daunen- und Gore-Tex-Jacken, Hosen, Eispickel, Steigeisen, Sturmhauben, Handschuhe, Brillen, Rucksäcke und und und – alles geht durch eine Tauglichkeitsprüfung. Vor allem die Schuhe werden kritisch beäugt. Gut, dass wir bei Herrn Keller waren.

       
Abfahrt – endlich geht es in Richtung Berg (l.); Die Fahrt in die Anden zum Aconcagua-Nationalpark dauert gut drei Stunden (M., r.)

Von Mendoza fahren wir am nächsten Tag drei Stunden nach Puente del Inca, der letzte Ort vor dem Aconcagua-Nationalpark. Puente del Inca ist etwa so groß wie ein halbes Dutzend Fußballfelder. Und eigentlich ist es kein Ort, sondern eine Art täglicher Wochenmarkt auf einem 2.700 Meter hohen Pass zwischen Mendoza und Santiago de Chile. Hier kann man allen Schnick-Schnack kaufen: Ketten, Tassen, Mützen, Schnitzereien, Teppiche und vieles mehr. Wir entscheiden uns für Halsbänder aus Leder mit einem Anhänger. Das soll Glück bringen, wir wollen sie auf dem Gipfel deponieren. Ein Geschenk für die Berggötter, falls die dort oben wohnen sollten.

   
Ankunft in Puente del Inca. Das ist die letzte Ortschaft vor dem Nationalpark des Aconcagua (l., r.)

  
"Logistikzentrum" von Aymara in Puente del Inca (l.); Eine natürliche Brücke (r.)

Vorher gibt es aber noch einiges zu tun. Zum Beispiel packen. Im provisorischen Logistikzentrum von Aymara richten wir unser Gepäck für den nächsten Tag. Die Mulis schleppen einen Großteil der Ausrüstung ins Zwischenlager. Wir selbst brauchen nur einen Tagesrucksack. Jetzt heißt es: sortieren, verteilen, umpacken. Tonnen, Taschen und Kisten sollten möglichst gleichmäßig schwer sein, so dass die Mulis einfacher beladen werden können. Jedes Tier darf maximal 60 Kilo schleppen. Überflüssiges Zeug, wie zum Beispiel Flip-Flops und kurze Hosen, lassen wir gleich hier.

28. Januar 2009. Es wird ernst. 25 Kilometer Fußmarsch und gut 1.600 Höhenmeter sind es von hier bis ins Basislager. Zwei Etappen mit einem Tag Pause. Am Eingang des Nationalparks legen wir unsere Genehmigungen und Reisepässe vor und bekommen nummerierte Müllsäcke, die wir am Ende der Expedition wieder abgeben müssen. Und zwar voll. Ansonsten sind 150 Dollar Strafe fällig. Das macht den Aconcagua zu einem sauberen Berg.

   
   
Nationalpark. Im Hintergrund türmt sich der Aconcagua über 4.000 m auf (l.); Bergführer Miguel und Leo (r.)

Am diesem ersten Tag wandern wir über sanfte Hügel, überspringen Flussläufe, durchstreifen Täler. Ein Genuss. Die Sonne scheint vom Himmel, vor uns türmt sich der schneebedeckte Aconcagua auf. Wir haben das Ziel immer im Blick. Nach einigen Pausen und einigen Stunden erreichen wir gegen Mittag das Zwischenlager Confluencia. Hier lässt es sich aushalten: Es gibt Kaffee und Tee, Kekse, Obst und kühle Getränke.

   
Confluencia, unser Gemeinschaftszelt (l.); Das Zwischenlager Confluencia von oben (r.)

   
Üben, üben, üben: Aufbau des Sturmzelts "The North Face V25" (l.); Küchenzelt in Confluencia (r.)

Wir genießen die Zeit in Confluencia. Üblicherweise verbringt man hier zwei Nächte. Das verbessert die Anpassung an die Höhe. Je langsamer man aufsteigt, desto besser akklimatisiert sich der Körper. Wir üben den Aufbau der Zelte, wir spielen Karten, wir ratschen mit anderen Bergsteigern. Abends gibt es eine Suppe, dann Hühnchen mit Reis.

Wir freuen uns auf den nächsten Tag. Auf dem Programm steht ein Ausflug zur Südwand des Aconcagua, eine fast 3.000 Meter steile Flanke aus Stein und Eis. Sinn und Zweck dieser Übung ist es, eine Art Höhenreiz zu setzen. Am Fuß der Südwand erreicht man die Marke von 4.000 Metern. Dort rastet man eine Stunde – um dann wieder nach Confluencia abzusteigen und dort zu übernachten. Getreu dem Motto: Climb high, sleep low.

   
Matthias und Frank beziehen ihr frisch aufgestelltes Zelt (l.); Sonnenuntergang über dem Lager Confluencia (r.)

   
Tagestour zur fast 3.000 m hohen Aconcagua-Südwand – hier erreichen wir eine Höhe von 4.000 m (l., r.)

Nach einer zweiten Nacht in Confluencia geht es in Richtung Basislager. Zehn bis 12 Stunden braucht man für diese Tour. Und auf dieser zweiten Etappe dämmert uns allmählich: Hier wird uns alles abverlangt. Die brüllende Hitze, der beißende Staub und der steinige Anstieg machen uns schwer zu schaffen. Am Wegesrand liegen immer mal wieder Skelette von toten Mulis. Zum ersten Mal müssen wir wirklich auf die Zähne beißen. Wir beobachten die anderen Teams: Glück gehabt, denen geht es auch nicht besser. Aber Schwäche will hier noch niemand zeigen – und so trotten wir Schritt für Schritt dahin. Und fluchen leise über Wind und Wetter.

    
Das Gepäck wird für das Basislager vorbereitet (l.); Wir wandern schon mal los (r.)

   
Der Weg besteht weitgehend aus Sand, Geröll und Steinen (l.); Wir werden vom Gepäck überholt (r.)

Dass das Klima so extrem ist, ist kein Wunder: Das Massiv liegt weniger als 200 Kilometer vom Pazifischen Ozean entfernt. Der Aconcagua ist der höchste Berg in der Region, er türmt sich auf wie ein Maßkrug zwischen Schnapsgläsern. Das macht ihn anfällig: Die feuchten Winde wehen vom Meer herein und kühlen an der West-Flanke ab. Die Folge sind starke Stürme, heftiger Schneefall und schwere Gewitter. Das ist auch der Grund, warum nur 30 Prozent aller Gipfelversuche erfolgreich sind. Die guten Ratschläge aus Reiseführern kann man hier getrost in die Tonne hauen. Diese Intensität muss man fühlen und erleben. Das tun wir: Als wir im Basislager ankommen, fühlen wir uns bereits so wie am Ende der Kilimandscharo-Tour.

   
Nicht alle Tiere überleben die Tortour (l.); Ankunft in Plaza de Mulas (r.)

30. Januar 2009. Fünf Tage nach unserer Abreise aus Deutschland erreichen wir Plaza de Mulas. Das Camp liegt auf 4.300 Metern und ist unser neues Zuhause für die nächste Zeit. Lagerleben pur. Es gibt ein Kneipenzelt mit Bier und Cocktails. Für 10 US-Dollar kann man heiß duschen, denselben Preis zahlt man für 10 Minuten Internet. Handys funktionieren hier oben nicht. Nur Satallitentelefone. Eine Minute nach Deutschland kostet 2,50 Dollar.

Dieses Basislager ist eine Art Seelenklempner – man findet zu sich selbst, die Ruhe gibt innerliche Kraft. Kein Schreibtisch, kein mies gelaunter Chef, keine Finanzkrise. Schon nach kurzer Zeit ist es gemütlich und unbeschwert. Aussteiger, Hippies und Kletterer wohnen Zelt an Zelt. Hier wird Völkerverständigung gelebt. Man möchte fast für immer bleiben. Und erst die grandiose Landschaft: Die bunte Zeltstadt liegt direkt unter der mächtigen West-Wand, eingebettet von stolzen Fünftausendern. Wir können unsere Aufstiegsroute fast vollständig einsehen. Über 2.600 Höhenmeter geht es wild, ruppig und steil bergauf. Dagegen wirken die Alpen wie Lego-Land. Einerseits.

Andererseits ist Plaza da Mulas ein schrecklicher Ort. Leiden und Leidenschaft, Mut und Mutlosigkeit liegen hier so eng beieinander. Das Klima zehrt an Körper und Geist. Immer wieder müssen Bergsteiger aus den Hochlagern oder aus der Gipfelregion gerettet werden. Wir sehen Menschen, die sich wie Tiere quälen. Wir sehen Menschen, deren Träume in Tränen zerfließen. Wir sehen einen Spanier, seinen Gipfelerfolg mit zehn erfrorenen Fingern bezahlt. Zwei Wochen zuvor gab es Tote. Euphorie und Niedergeschlagenheit wechseln sich hier permanent ab.

   
Unsere Zeltplätze (l.); Der Aconcagua und seine Nord-West-Flanke (r.)

   
Markus beim Ausruhen und Genießen (l.); Die Nord-West-Flanke im Abendlicht (r.)

Wir müssen zum Doktor. Jeder der rauf will, wird zwei Mal durchgecheckt. Erst bei der Ankunft, dann vor dem Gipfelaufstieg. Wir machen gar keinen so üblen Eindruck: Die Sauerstoffsättigung im Blut liegt zwischen 84 und 94 Prozent, Blutdruck und Puls sind solide, die Lunge rasselt nicht. Gegen die Kopfschmerzen nehmen wir ein paar Aspirin zum Frühstück und trinken sechs Liter Wasser am Tag. Das übliche.

Nur Frank hat Probleme: Eine verschleppte Erkältung, die er aus Deutschland mitgebracht hat, hat sich in der Höhe weiter verschlimmert. Antibiotika brachte keine Besserung, es besteht das Risiko eines Ödems. Bei einem Lugenödem tritt Blutflüssigkeit aus. Anzeichen sind Atemnot, Unruhe, Husten und brodelnde Atemgeräusche. Das kann im schlimmsten Fall tödlich enden, steigt man nicht in tiefere, sauerstoffreichere Lagen ab. Nach der dritten Sprechstunde senkt der Doc den Daumen. Frank ist raus, obwohl er ansonsten konditionell in Top-Form ist. Kein Aufstieg, kein Gipfel. Ein Jammer. Er soll so schnell wie möglich zurück nach Puente del Inca.

   
Aufstieg in Richtung Lager 1, Camp Canada (l.); Camp Canada auf 5.050 m Höhe (r.)

3. Februar 2009. Wir haben bittere Stunden hinter uns. Am Morgen verabschieden wir uns von Frank. Eine letzte Umarmung. Kopf hoch, alter Junge. Zwei Tage zuvor sind wir bereits einmal zu Lager 1 auf 5.050 Meter aufgestiegen, um die Höhenanpassung zu fördern. Hat man auf Meereshöhe einen Sauerstoff-Partialdruck von 100 Prozent, sind es auf knapp 7.000 Metern nur noch 40 Prozent. Die Leistungsfähigkeit sinkt um mehr als die Hälfe.

Schon auf 5.000 Metern pfeifen wir wie alte Lokomotiven. Die 18 Kilo Gepäck wiegen schwer auf den Schultern. Wir haben auf Hochträger verzichtet. 20 Kilogramm ins Lager 3 kosten mehr als 500 Dollar. Das war uns Schwaben dann doch zu teuer. Also schleppen wir unsere Ausrüstung selbst. Es ist ein öder Anstieg über Schutt und Geröll. Wir brauchen dennoch nur gut vier Stunden für die 700 Höhenmeter bis ins Lager 1, Camp Canada. Wir ruhen uns aus, trinken Tee, dösen. Die Zigarette schmeckt noch. Wolken ziehen vom Pazifik herein. Ob Frank schon mit dem Helikopter ausgeflogen wurde? Wir wollen den Gipfel für unseren Freund holen.

   
Markus und Matthias im Camp Canada (l., r.)

Wir müssen das Zelt aufbauen – eine kräftezehrende Aufgabe in dieser Höhe. Noch anstrengender ist das Aufblasen der Isomatten. Aber gut, es hat uns ja niemand gezwungen, hierher zu kommen. Wenigstens müssen wir uns nur um ein Zelt kümmern. Nachdem klar war, dass Frank nicht mit aufsteigen kann, haben wir auf das zweite Zelt verzichtet. Klar, es ist kein Spaß, zu dritt im Zwei-Mann-Zelt zu übernachten. Aber es ist warm. Und das ist das wichtigste. Wir stapeln Material, Kleidung und Rucksäcke und liegen wie Embryos unter dem gelben Dach.

   
Camp Canada liegt auf einem Plateau – und ist damit relativ windanfällig (l.); Vom Pazifik ziehen die ersten Wolken herein (r.)

Am nächsten Morgen bläst der Wind. Unser Tagesziel ist Lager 2, Nido de Cóndores, 5.560 Meter. Wer dieses Camp in körperlich solidem Zustand erreicht, hat gute Chancen, den Gipfel zumindest versuchen zu können. Denn immer mehr Teams starten ihren Versuch von Nido de Cóndores. Das hat den Nachteil eines etwas längeren Gipfeltages, aber eben auch den Vorteil, kein drittes Lager mehr errichten zu müssen. Zumal man sich in Lager 3 auf knapp 6.000 Metern sowieso nicht mehr wirklich erholen kann. Im Gegenteil: Je länger man in der Höhe verweilt, desto mehr baut man körperlich ab.

   
Wir sind bereit für den Abmarsch zum Lager 2 (l.); Mickey und Leo haben auch schon gepackt (r.)

Die Etappe nach Nido de Cóndores ist viel härter als am Vortrag. Es sind zwar nur 500 Höhenmeter vom Camp Canada aus, aber die Luft wird mit jedem Schritt dünner. Jetzt spürt man die Höhe brutal. Atmet man aus Versehen im normalen Rhythmus, wird der Sauerstoff schnell zu knapp – man muss hektisch nachschnaufen.

Wir hecheln wie Hunde. Markus hat immer wieder Hustenanfälle, die gefühlt fünf Minuten dauern. Nervig. Das ist jetzt kein Genuss mehr, sondern eine unglaubliche Schinderei. Zeitlupentempo. Pause. Endlich, der letzte Aufschwung, wir können das Lager fast greifen. Es fehlen noch wenige Höhenmeter. Ein Katzensprung. Doch wir quälen uns noch mal eineinhalb Stunden. Erschöpft aber glücklich erreichen wir das Ziel.

   
Lager 1 liegt direkt über den Felsen in der Bildmitte. Das Basislager liegt im Tal neben dem See (l.); Nido de Cóndores (r.)

Im Lager haut uns der Wind fast aus den Bergstiefeln. Zum Glück steht unser Zwei-Mann-Zelt schon. Unser Bergführer Leo ist vorgeeilt und hat es bereits aufgestellt. Wir schlüpfen zu dritt hinein, es gibt Linseneintopf und Früchte aus der Dose. Wir kauern in den Schlafsäcken, spielen Karten und erleben im Laufe der Stunden die härteste Nacht unseres Lebens. Der Wind nimmt zu, fegt jetzt mit brachialer Kraft über den Sattel. Es hört sich an, als würde jemand von außen mit Teppichklopfern gegen das Zelt schlagen, während über uns Kampfjets hinweg donnern.

Wir pressen das Zelt auf den Boden, stundenlang. Wir warten jeden Moment darauf, mitsamt der Ausrüstung abzufliegen. Andere Teams haben in diesen Stunden Zelte und Material verloren und trugen schwere Erfrierungen davon. Minus 35 Grad, die Wasserflaschen gefroren sogar in den Thermoschuhen. Wir schicken ein Dankesgebet an Deuter, Mammut und North Face. Wer an der Ausrüstung gespart hat, muss den Preis dafür hier oben bezahlen. 

   

Zelte vorbereiten, Ausrüstung suchen und sortieren (l.); Blick auf das Lager 2, Nido de Cóndores. Unsere Zelte liegen im Vordergrund (r.)

   
Die Träger besorgen den Schnee, der zu Wasser geschmolzen wird (l., r.)

       
Als Nachtisch gibt es Früchte aus der Dose – beziehungsweise aus dem Schälchen (l.), Sturm über Nido de Cóndores und dem Gipfel (r.)

5. Februar 2009. Leider keine Besserung an diesem Morgen. Es heißt, in den kommenden Tagen soll sich das Wetter weiter verschlechtern. Wir gehen ein Stück in Richtung Camp 3 und Gipfel, doch wir wissen: Ende, Aus, vorbei. Wir kommen nicht rauf. Zumindest nicht dieses Mal. Das Umkehren fällt schwer und ist brutal. Der Gipfel ist so nah, zehn bis 12 Stunden wären es noch gewesen. Man verdrückt eine Träne. Tohuwabohu im Gefühlshaushalt. Wir packen unsere Sachen, falten das Zelt im Sturm zusammen, schultern die Rucksäcke und steigen schweigend ab. Ein paar Stunden später sind wir im Basislager – bei sommerlichen Temperaturen.

Frank ist bereits zu Fuß nach Puente del Inca abgestiegen. Wegen Schlechtwetters wäre ein Heliflug einem Himmelfahrtskommando gleichgekommen. Wir öffnen ein paar Dosen Bier, rauchen Wasserpfeife und blicken zurück. Der Berg leuchtet, der Himmel ist strahlend blau, nichts scheint die Idylle zu trüben. Leise hört man den Wind weiter oben pfeifen. Und dann kommt diese Frage auf, die einem bis heute im Kopf hämmert: Haben wir die richtige Entscheidung getroffen?

Wir wissen von drei Bergsteigern, die an unserem Gipfeltag den Gipfel erreicht haben. Viele andere haben es ebenfalls probiert – teilweise gerieten sie in Bergnot und mussten gerettet werden, teilweise erlitten sie schwere Erfrierungen. Selbst das Gipfelkreuz, das viele Jahre fest verankert war, wurde vom Wind umgeweht.

Daher können wir für uns sagen: Wir haben richtig entschieden. Es ist unverantwortlich, in eine Schlechtwetterfront zu laufen. Meistens gefährdet man sich nicht nur selbst, sondern auch andere. Steht das Wetterfenster nicht offen, hat man nicht die Sicherheit, heil auf den Gipfel und wieder zurück zu kommen. Für einen zweiten Versuch reicht es selten – sei es, weil die Motivation nicht mehr da ist, sei es, weil die Genehmigung abläuft.

   
Der Cerro Bonete (5.004 m) liegt im Hintergrund in der Bildmitte (l.); Sollen wir uns das antun? (r.)

       

In der Gipfelzone des Cerro Bonete (l.); Zwischendrin müssen wir immer wieder durch Eisfelder – das kann auch mal eng werden (M., r.)

6. Februar 2009. Zum Trotz und aus Frust wollen wir am nächsten Tag den 5.004 Meter hohen Cerro Bonete besteigen – so ganz ohne Gipfel wollen wir dann doch nicht heimkommen. Wirklich Lust haben wir zwar nicht, aber wir können uns dann doch aufraffen. Der Cerro Bonete liegt auf der anderen Talseite, fünf Stunden sind es von Plaza de Mulas bis zum Gipfel. Von seiner Spitze blicken wir wehmütig auf "unseren" Berg, den Aconcagua. Wir wollen keine Sekunde missen. Wir haben unvergessliche Eindrücke gesammelt. Momente, die ein Leben lang anhalten werden. Und ganz tief im Inneren wissen wir: Irgendwann, vielleicht in vielen Jahren, werden wir noch mal hier sein. Das Projekt ist unvollendet.

       
Am Gipfel des Bonete (l.); Blick auf den Aconcagua. Das Basislager liegt unten links im Tal (M.); Gipfelkreuz aus Fleisch und Blut (r.)

   
   
Refugio Plaza de Mulas, angeblich das höchstgelegene Hotel der Welt (l., M.); Anschließend geht es zurück ins Basislager (r.)       

       

Einladung zum Abendessen ins Küchenzelt (l., M.); Kommunikationsanlage im Küchenzelt (r.)

Beim Abstieg vom Cerro Bonete kehren wir noch im Refugio Plaza des Mulas ein, angeblich das höchstgelegene Hotel der Welt. Wir sind noch immer leicht frustriert, dass es für den Aconcagua nicht ganz gereicht hat. Dafür werden wir am Abend von unserem Team zum Essen in deren Küchenzelt eingeladen. Ein seltenes Erlebnis. Denn eigentlich ist das Küchenzelt ein "heiliger Ort", an dem die "Kunden" nichts verloren haben. Hier sind Bergführer, Köche und Aushilfskräfte unter sich. Wir verstehen das als Wertschätzung und nehmen die Einladung gerne an. Es wird gemeinsam gekocht, gefeiert und gelacht. Bis spät in die Nacht. Dieses Erlebnis ist in diesem Moment fast höher anzusiedeln als der Gipfel.

   
Ohne Aconcagua-Gipfel im Gepäck brechen wir nach Puente del Inca auf (l.); Auch die Mulis machen sich auf den Weg zurück (r.)

Am nächsten Morgen verlassen wir das Basislager. Die Stimmung ist gedämpft. Wir rollen Schlafsäcke und Isomatten ein, legen die Zelte zusammen, packen die Rucksäcke und die Taschen für die Mulis. Ein letztes Mal holen wir unser Lunch-Paket ab. Dann heißt es: Tschüss sagen. Umarmungen, Drücken, Abklatschen. Ein Großteil des Teams bleibt am Berg – die nächsten Kletterer werden bereits erwartet. Vielleicht haben sie mehr Glück.

Für uns geht es zurück nach Puente del Inca. Was im Aufstieg zwei Tagesmärschen entspricht, macht man jetzt in neun Stunden und in einem Rutsch. Autopilot rein – und runter. Die Beine schmerzen. Was solls. Man lässt die Expedition noch einmal Revue passieren. Hätte, wäre, wenn. Schade. Andererseits freuen wir uns auf die Zivilisation. Ein kühles Bier, ein saftiges Steak, Duschen, Rasieren, ein richtiges Bett. Wenig Wind, viel Wärme.

   
Der letzte Blick zurück ist symbolisch: Wir können leider nur erahnen, wo sich der Gipfel befindet (l.); Gruppenbild am Parkeingang (r.)

   
Die Hosteria in Puente del Inca. Wir wollen und müssen endlich den Staub vom Berg runterspülen (l., r.)

   
Letztendlich hat sich das Duschen dann doch noch etwas hinausgezögert – aber wen wundert das? (l., r.)

Auch wenn wir anschließend noch ein paar Tage in Mendoza hatten, so ging unsere Expedition an diesem Abend in Puente del Inca zu Ende. Es mag sich kitschig anhören, aber das sind Momente, die auch heute noch bewegen. Man hat unglaubliche Eindrücke gesammelt, man hat sich viel mit sich selbst beschäftigt, hat intensiv und extrem gelebt – und den Gipfel, das Highlight, nicht erreicht.

Wir wissen, dass wir so schnell nicht wieder zurückkommen werden. Vielleicht nie mehr. Denn wir wissen auch, dass es unter normalen Umständen nicht so oft die Chance im Leben gibt, so eine Tour durchzuziehen. Aber wir hoffen auf ein Wiedersehen. Und viel wichtiger: Wir glauben daran. Wir tragen ja noch unsere Lederketten.

(Unter anderem auszugsweise erschienen in der Esslinger Zeitung, 6. April 2009)